Von Täuschungen und verwirrten Sinnen

Die Wanderausstellung „tourdersinne“ gastierte in Kooperation mit dem Humanistischen Verband Niedersachsen im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg.

Tour der Sinne in Oldenburg
Haben die Ausstellung ermöglicht:(v.l. Kathleen Renken, Monika Kretschmer, Lutz Renken, Ralf Mitschke, Peter Blohm, nicht im Bild Ralf Miarka)

Verblüffendes zum Staunen, Erleben und Begreifen

Ein nicht enden wollendes Lachen schallt durch das Obergeschoss des Landesmuseums für Natur und Mensch: Dr. Martina Müller (Name durch die Red. geändert), selber Naturwissenschaftlerin, kann nicht fassen, was sie da gerade erlebt – wie von Geisterhand erheben sich ihre Arme langsam in die Höhe. Ein Phänomen, was viele aus der Kindheit bereits kennen: wenn die Armmuskeln eine Zeitlang mit ordentlichem Kraftaufwand gegen einen Widerstand, zum Beispiel in einen Türrahmen drücken, dann sorgt die Dauerdepolarisation von Nervenzellen dafür, dass die Muskeln die Arme in die Höhe heben, auch wenn der Arm bewusst entspannt ist. Was nach Spuk aussieht, lässt sich also biologisch/chemisch ganz einfach erklären. Das Muskelexperiment ist eines aus zwölf Exponaten der Wanderausstellung „Tour der Sinne“, die vom 19. bis 29. Oktober 2017 zu Gast im Landesmuseum Natur und Mensch waren.

Auch wenn die Erklärungen der Sinnestäuschungen mit „rechten Dingen“ zugehen, so sind sie doch nicht minder verblüffend. Denn unter den Exponaten sind auch solche, auf die der menschliche Körper immer wieder hineinfällt, auch wenn man die wissenschaftliche Erklärung bereits kennt.

Tour der Sinne in Oldenburg
Auch das HVN Präsidium überprüfte in Oldenburg seine Wahrnehmungen. Hier Präsident Guido Wiesner und Vizepräsidentin Anke Hennig

So gehört das Klötzchen-Experiment zum Beispiel zu den Lieblingsexponaten des Leiters der Wanderausstellung Ralf Mitschke. Es werden zwei aufeinanderliegende Klötzchen zusammen angehoben. Danach wird nur das kleinere/dünnere obenliegende Klötzchen angehoben. Es stellt sich bei jedem der gleiche Effekt ein: das dünnere Klötzchen fühlt sich schwerer an, als beide Klötzchen zusammen; ja man glaubt sogar, es müsse sich um ein magnetisches Klötzchen handeln, so schwer ist es zu heben. Dabei werden nur die Erfahrungen ausgehebelt: das dünnere ist aus schwerem Metall, das dickere aus leichtem Holz. Unsere Erfahrung sagt uns, dass Dinge, die gleich aussehen, leichter sind, wenn sie kleiner sind. Unser Gehirn berechnet dann automatisch den Kraftaufwand beim Hochheben. Die Erwartung sorgt also dafür, dass wir mit einem leichteren kleinen Klötzchen rechnen und sind überrascht über das schwere Gewicht. Das Schöne an diesem Experiment ist, dass es uns auch nach zwei, drei, zehn, ja sogar 100 Wiederholungen genauso verblüfft, wie beim ersten Versuch. Manche Erfahrungen haben sich also sehr dicke Nervenverbindungen im Gehirn gebaut.

Rahmenprogramm

Um Nervenverbindungen und wie diese sich im Gehirn auch durch das was wir Denken bahnen und wie neue Denk-(auto)bahnen angelegt werden können, ging es auch in dem vollbesetzten Vortrag der Neurobiologin Dr. Angela Kurylas und dem Business-Coach Monika Kretschmer. Insgesamt umrahmten vier Vorträge rund um Wahrnehmung und Täuschung die Ausstellungszeit.

Junge Zuhörer und Zuhörerinnen konnten von der internationalen Vorsitzenden der Jungen Humanisten Marieke Prien aus Osnabrück anhand eines „Truggespenstes“ erfahren, aufgrund welcher falschen Annahmen sie Täuschungen aufliegen. Unter dem Titel „Echt jetzt?“ gab sie eine Einführung speziell für Jugendliche in die Welt der kognitiven Verzerrung und Illusionen und die Frage, wann man seinem Bauch und seinen Augen trauen sollte.

Zum Sonntags-Matinee hatte Peter Reichl ins Landesmuseum geladen, um anhand vieler Beispiele zu zeigen, dass unsere Wirklichkeit nur einen Ausschnitt unserer Wahrnehmung darstellt, vom persönlichen Standpunkt beeinflusst ist und sehr persönlich gefärbt ist. Auch der Körper hat bei der Wahrnehmung sehr starken Einfluss und die innere Wahrnehmung kann wiederum durch eine äußere Haltung beeinflusst werden.

Den Abschluss bildete Ralf Mitschke beim Finnissage-Vortrag „Wahrheit oder Fake“ am letzten Ausstellungstag. Er hat dem Publikum mit auf den Weg gegeben, dass Wahrnehmung nicht gleich Wirklichkeit bedeutet und die Täuschbarkeit der Preis des Überlebens sei. Der Mensch sei lieber einmal mehr vor einem harmlosen Gebüsch erschreckt als von einem gefährlichen Säbelzahntiger unerwartet gefressen.

Kooperation

Exponat Tourdersinne
Ein Exponat der „tourdersinne“

Zustande gekommen ist die Ausstellung in Oldenburg durch das Beraterteam Monika Kretschmer und Ralf Miarka, die für die Universität Oldenburg einen Ausbildungstag geplant hatten und dafür die Wanderausstellung tourdersinne einsetzen wollten, welche zum Museum „Turm der Sinne“ gehört, das vom HVD Bayern betrieben wird. Um die Kosten auf möglichst viele Schultern zu verteilen, haben die Berater beim Humanistischen Verband (HVD) in Oldenburg angefragt. Diese Ausstellung einem größeren Publikum zu zeigen, hatten die Humanisten im Norden schon seit längerer Zeit vor. Bietet die Ausstellung doch praktische Erfahrungen, dass nicht alles wahr ist, was wir für wahr halten. Das Selbstverständnis einer humanistischen Lebensweise, nämlich das kritische Hinterfragen der Welt und der eigenen Überzeugungen sowie die Wertschätzung wissenschaftlicher Erkenntnismethoden konnte auf diese Weise einer breiteren Öffentlichkeit gezeigt werden. Dass das Landesmuseum für Natur und Mensch als Kooperationspartner gewonnen werden konnte, war ein besonderer Glücksfall. Zum einen gehören Sinneswahrnehmungen und -täuschungen zur Biologie des Menschen und zum anderen lädt das Landesmuseum Besucher aus allen Generationen ein. So auch hier, so dass die Ausstellung sehr erfolgreich verlief. Das Kassenpersonal konnte von täglich vielen Besuchern berichten.

Neugierig geworden?

Wer Lust auf die Ausstellung bekommen hat und selber Spaß und Verblüffung mit trügerischen Experimenten erleben will, sollte bei seiner nächsten Reise in den Süden einen Stopp im Turm der Sinne einplanen oder als Kostprobe die „Box der Sinne“ bestellen. Denn was jemand mit eigenen Sinnen erlebt, sorgt für tiefergehende Erkenntnisse als Gehörtes oder Gelesenes Und Selbsterkenntnis darf gerne Spaß machen und als Lacher durch Ausstellungshallen klingen.

Kontakt BÜRO turmdersinne gGmbH
Ralf Mitschke I Spittlertorgraben 45 I 90429 Nürnberg I Telefon: 0911 94432-81
Mail: info@turmdersinne.de I Mail: mitschke@turmdersinne.de I www.turmdersinne.de

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