Religionsunterricht – in Grundschulen derzeit noch „alternativlos“

Kommt nun endlich Bewegung in die Sache?

Für Kinder konfessionsfreier Familien wird in Niedersachsen derzeit keine verbindliche Alternative zum Religionsunterricht in den Grundschulen angeboten – weder das Fach „Humanistische Lebenskunde“ des HVD, das in Berlin und Brandenburg über 55.000 Schüler besuchen, noch der integrative Werte und Normen-Unterricht. Familien, die sich für ihre Kinder einen an humanistischen Werten orientierten Unterricht wünschen, gehen leer aus.

Mehrheit der Deutschen für gemeinsamen Werteunterricht statt religiösem Bekenntnisunterricht

Eine repräsentative Befragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov ergab, dass sich die meisten Deutschen für die Abschaffung des Religionsunterrichts aussprechen, auch unter Union-Wählern. Stattdessen wünschen sie sich, dass Fächer wie Ethik oder Werte und Normen den Schwerpunkt bilden sollen. Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, die Neue Osnabrücker Zeitung und andere berichteten. Weitere Details zur Untersuchung finden Sie bei yougov.de.

Religionswissenschaftler Antes: Umfrageergebnis eine gute Nachricht

Dies sei eine gute Nachricht für all die, die sich für das Schulfach Werte und Normen einsetzen und an seiner Stärkung in der Schule arbeiten, so die gemeinsame Stellungnahme von Prof. Dr. Dr. Peter Antes (Uni Hannover) vom 12. Oktober mit Markus Rassiller (Fachverband Werte und Normen) und Monika Saß-Dardat (HVD Niedersachsen).

Weiter heißt es in der Stellungnahme: „Ein solches Fach – allen Schülerinnen und Schülern als verpflichtend vorgeschrieben und durch eine dafür eigens qualifizierte Lehrkraft erteilt - würde dem Ideal einer gemeinsamen Unterrichtung aller entgegenkommen und die bisher bestehende Trennung nach Konfessionszugehörigkeit im Religionsunterricht aufheben.

Eine einseitige Ausrichtung des Unterrichts auf die Ethik im Sinne westlicher Philosophie sei ebenso wenig hinzunehmen wie die Ausklammerung von Informationen über Religionen und Weltanschauungen und die daraus abgeleiteten Ge- und Verbote bzw. lebensweltlichen Orientierungsmöglichkeiten. Die Unterzeichner der Stellungnahme setzen sich dafür ein, „dass dieses weiterführende Angebot schulisch umgesetzt wird – nicht zuletzt auch in der Grundschule.

Die vollständige Stellungnahme können Sie hier als pdf herunterladen.

Ehemaliger GEW-Vorsitzender: Chancen für Werte und Normen in Grundschulen stehen gut

Dieter Galas, langjähriger niedersächsischer Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, beschreibt in der aktuellen Ausgabe der Gewerkschaftszeitschrift die Entwicklung des Faches Werte und Normen aus dem religionskundlichen Unterricht des Humanistischen Verbandes (damals: Freireligiöse Landesgemeinschaft) hin zu einem verpflichtenden Alternativfach zum konfessionellen Religionsunterricht heute. Von Beginn an waren der religionskundliche Unterricht als auch Werte und Normen immer nur ab Klasse 5 wählbar bzw. verpflichtend für jene Schülerinnen und Schüler, die nicht am konfessionellen Bekenntnisunterricht teilnehmen wollten oder durften.

Er weist darauf hin, dass im Jahr 2015 26 % der Grundschülerinnen und Grundschüler in Niedersachsen keiner Konfession angehörten, jedoch nur 9 % dem Religionsunterricht fernblieben. Galas sieht dies zu Recht darin begründet, dass „Eltern mit dem ‚Ersatz‘ (z. B. Unterbringung in einer Nachbarklasse) unzufrieden sind, den die Schule ihren vom Religionsunterricht abgemeldeten Kindern anbietet, wenn ‚Reli‘ auf dem Stundenplan steht.“ Dies entspricht den Rückmeldungen vieler Eltern, die sich an unseren Verband wenden.

Der vom Fachverband Werte und Normen – Ethische und Humanistische Erziehung in Niedersachsen gestarteten Petition zur Einführung des Faches in der Grundschule (wir berichteten) bescheinigt Galas gute Chancen:

Eine ähnliche, ebenfalls auf die Einführung von Werte und Normen im Primarbereich zielende Eingabe war im Jahre 2005 von Sprechern der damaligen Oppositionsfraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen unterstützt worden. Die beiden heutigen Regierungsfraktionen werden sich kaum auf eine Ablehnung einlassen können. Wie sich die heutigen Oppositionsfraktionen von CDU und FDP verhalten werden, ist noch nicht erkennbar, von der FDP-Fraktion kann erwartet werden, dass sie der Petition zustimmt.

Den vollständigen Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „E&W“. (hier zum Download.)

Podiumsdiskussion im Haus Humanitas: Status Quo überwinden

Auch die Experten auf dem Podium des Humanistischen Forums Hannover schienen sich auf der Veranstaltung am 15. September zumindest darin einig zu sein, dass das derzeitige Angebot nicht zeitgemäß ist und eine Lösung gefunden werden muss.

Humanistisches Forum Hannover am 15. September 2016, Thema: ... und ohne Zwang der Glaube! – Ist religiöser Bekenntnisunterricht in der Grundschule alternativlos?

Es diskutierten Dr. Ingrid Wiedenroth-Gabler von der TU Braunschweig, Jens Aden vom Kultusministerium Niedersachsen, Markus Rassiller vom Fachverband Werte und Normen – Ethische und Humanistische Bildung in Niedersachsen e. V. und Monika Saß-Dardat, Vizepräsidentin des HVD Niedersachsen.

Am 25. Oktober wird eine weitere Diskussionsrunde zum Thema in Hannover stattfinden, dieses Mal veranstaltet vom AK HumanistInnen und Säkulare der SPD Hannover (18.30 Uhr - Künstlerhaus).

Unterstützung auch von evangelischer Kirche

Am Ende der Veranstaltung „Bedeutung und Perspektiven von Religion und Kirche in unserer Gesellschaft“ am 29. September im Rathaus Garbsen, an dem neben dem Landesbischof Ralf Meister unter anderem auch der Präsident des Humanistischen Verbands Niedersachsen, Guido Wiesner, teilnahm, wurden aus dem Publikum wiederholt Fragen zum Religions- bzw. Werte und Normen-Unterricht gestellt. (Einen Bericht dieser Veranstaltung finden Sie beim Humanistischen Pressedienst).

Die erste dieser Fragen betraf den Inhalt der oben genannten Petition, die vom Landesbischof wie folgt beantwortet wurde: „Die Stimme der evangelischen Kirche in Niedersachsen für die Forderung, die ja jetzt auch in einer Petition erhoben worden ist, die haben Sie. Wir unterstützen dieses Anliegen von Ihnen.“ Die zweite Frage, ob es nicht sinnvoller sei, wenn die Kinder einen gemeinsamen Unterricht erhielten, wo sie die Religionen kennenlernen und Werte und Normen vermittelt bekommen, wurde aus Zeitgründen nicht mehr beantwortet.

Dabei beschreibt sie doch das Ideal, das in der oben beschriebenen Umfrage von der Mehrheit der Deutschen bevorzugt wird und das auch der Humanistische Verband als „Berliner Modell“ langfristig anstrebt: Integrativer Werteunterricht für alle Schülerinnen und Schüler, ergänzt durch ein freiwilliges Angebot von Religionsunterricht und Humanistischer Lebenskunde.

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