Geschichte des Verbandes in Niedersachsen

Der heutige Humanistische Verband geht aus verschiedenen freigeistigen, freireligiösen und freidenkerischen Traditionen hervor. So entsteht zum Beispiel die freireligiöse Bewegung Mitte des 19. Jahrhunderts, als kritische Geistliche beider Kirchen neue, freie Gemeinden gründen, die ganz im Zeichen der bürgerlichen Emanzipations­bewegung in der Zeit der Märzrevolution standen.

Jugendweihe 1924
Jugendweihe 1924

Von der Märzrevolution bis zur Weimarer Republik

Bereits 1847 bildet sich in Hannover eine erste „Freireligiöse Gemeinde“. Aus dieser Keimzelle des organisierten freien Denkens entwickeln sich in den Folgejahren im norddeutschen Raum Zusammenschlüsse kleiner Gruppen interessierter „Dissidenten“. Die Arbeit besteht aus einem fortwährenden Kampf gegen die Obrigkeit und gegen die etablierten Kirchen. Aufklärung auf allen Wissensgebieten, undogmatisches „freies“ Denken, Offenheit und Diskussionen über „Gott und die Welt“ prägen die Gründerjahre des organisierten Humanismus. 1886 beginnt in Niedersachsen die Tradition der Jugendweihe – heute Humanistische JugendFEIER – mit der ersten nachgewiesenen Feier in Hannover.

Freidenkerbund Hannover
Aufruf zur Gründungsversammlung des Freidenkerbundes, 1907

Aus der 1895 gegründeten Philosophischen Gesellschaft wird 1907 die Gruppe Hannover im Deutschen Freidenkerverband. Auch in Wilhelmshaven gründet sich um diese Zeit eine Freidenkergruppe. 1920 gliedert der Freidenkerverband in Hannover durch eine Neugründung der freireligiösen Gemeinde seine weltanschauliche Komponente wieder aus und konzentriert sich auf die politische Arbeit als Gegenkraft zu den politischen Einflussnahmen der Kirchen.

In der Weimarer Reichverfassung vom August 1919 wird den Erziehungsberechtigten freigestellt, ihre Kinder zum Religionsunterricht zu schicken. In der Folge beginnen (überwiegend proletarische) Eltern- und Lehrerverbände sich ab 1920 in „Freien Schulgesellschaften“ zu organisieren und die Einrichtung von bekenntnisfreien, weltlichen Schulen zu fordern.

Klasse weltliche Schule Hannover
Eine Klasse der weltlichen Schule Petristraße, 1927

1922 werden in Hannover erste weltliche Schulen gegründet, in denen kein Religionsunterricht mehr erteilt, Jungen und Mädchen erstmals gemeinsam interdisziplinär unterrichtet und Selbstbewusstsein, kritisches Denken, Toleranz und Kompromissbereitschaft vermittelt werden. Willi Henkel, ehemaliger Lehrer der weltlichen Schule Petristraße:

„[...] Die weltlichen Schulen waren frei von kirchlicher und parteipolitischer Beeinflussung. Sie erzog ihre Schüler zur Anerkennung zur Religionsfreiheit gemäß dem alten Spruch ‚Frei sei der Geist und ohne Zwang der Glaube‘.“

In der Weimarer Republik gibt es viele Ansätze eines pädagogischen Wandels. Auch die weltlichen Schulen zählen zu den reformpädagogischen Einrichtungen.

In den letzten Schuljahren erhalten die Schülerinnen und Schüler am Nachmittag einen sogenannten „Moralunterricht“ in Vorbereitung auf ihre Jugendweihe (heute Jugendfeier). Die Jugendweihe ist also in diesem Zusammenhang auch eine Schulentlassungsfeier und der Eintritt in das Berufsleben.

1928 wird die verfallene Anlage eines stillgelegten Steinkohlebergwerks in Münchehagen von der „Landheimgenossenschaft der weltlichen Schulen Hannover e. G.“ erworben. Innerhalb eines Vierteljahres werden ein Teil der Gebäude mit Hilfe von Eltern- und Lehrerschaft saniert und zu einem Schullandheim umgebaut.

Schullandheim der weltlichen Schulen
Postkarte: Schullandheim der weltlichen Schulen Hannover in Münchhagen, Kreis Stolzenau (Weser)

Die weltlichen Schulen werden als eine der ersten Maßnahmen nach der Machtübernahme 1933 von den Nazis aufgelöst. Zu diesem Zeitpunkt unterrichten 71 Lehrer in Hannover ca. 4000 Kinder an weltlichen Schulen – dies entspricht seinerzeit knapp 10% der hannoverschen Schülerschaft. Die Klassengemeinschaften werden aufgelöst und die Schüler auf andere Schulen verteilt. Lehrkräfte werden versetzt oder aus dem Schuldienst entfernt, teilweise verhaftet.

Verbot durch Nationalsozialisten

Im Zuge der Machtergreifung der Nazis verbietet der zum preußischen Ministerpräsidenten ernannte Hermann Göring 1934 alle freigeistigen Organisationen. Es folgt die Beschlagnahme sämtlichen Vermögens. Aus dem Erlass:

„Zur Abwehr staatsfeindlicher Umtriebe und zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit ist daher die Auflösung [...] zum Schutz von Volk und Staat geboten.“

Der nationalsozialistische Staat versucht die Mitglieder in der „Deutschen Glaubensbewegung“ des Jakob Wilhelm Hauer aufzufangen, hat damit jedoch nur wenig Erfolg, weil eine Unterordnung unter nationalsozialistisches Gedankengut den Idealen des Verbandes entgegensteht.

Neugründung unter Britischer Militärverwaltung

1946 lässt die Britische Militärverwaltung die Neugründung nur widerstrebend zu. Der gewünschte Name „Freigeistige Gemeinschaft“ wird untersagt, „Freireligiöse Gemeinde“ hingegen genehmigt. 1948 wird die „Freireligiöse Landesgemeinschaft Niedersachsen“ mit dem Zusatz „Gemeinschaft freidenkender Menschen“ neu gegründet.

Grundsteinlegung Haus Humanitas
Grundsteinlegung „Haus Humanitas“ am 11. Oktober 1961

Durch die Verleihung der Körperschaftsrechte im Jahre 1950 erlangt sie formal die gleiche Rechtsstellung wie die Kirchen, zwei Jahre darauf dann den offiziellen Status einer freien Weltanschauungsgemeinschaft.

Seit den frühen 1960er-Jahren nimmt die Landesgemeinschaft durch den Bau des „Haus Humanitas“ mit Veranstaltungssaal und dem Betrieb eines Studentenwohnheims, einen festen Platz im Stadtbild der Landeshauptstadt ein.

Ausbau als Interessenvertretung

Mit Abschluss des Staatsvertrages zwischen dem Land Niedersachsen im Jahre 1970 wird die Gleichstellung mit den Kirchen bekräftigt und anschließend durch das Parlament bestätigt. Das Land Niedersachsen gewährleistet dem Verband darin die freie Betätigung zur humanistischen Betreuung seiner Mitglieder und anderer, keiner Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft angehöriger Personen. Darüber hinaus wird versichert, dass an den öffentlichen Schulen neben dem Religionsunterricht ein religionskundlicher Unterricht gleichberechtigt erteilt wird. (Diese Verpflichtung löst das Land seit 1993 mit dem Fach „Werte und Normen“ ein, das neben Religionskunde auch ethische, philosophische und humanistische Kenntnisse vermittelt).

Dem Verband werden außerdem angemessene Sendezeiten im Norddeutschen Rundfunk (NDR) zugesichert.

Aus „Freireligiösen“ werden Humanisten

Gleichgeschlechtliche Humanistische Trauungszeremonie

Im Jahre 1988 benennt sich die bis dahin „Freireligiöse Landesgemeinschaft“ in „Freie Humanisten Niedersachsen“ um. Den von der Realität überholten Traditionsbegriff „freireligiös“ sieht man nicht mehr als geeignet an, die Werte und Ziele der Organisation zu vermitteln. Die nicht-religiöse Lebensauffassung soll ohne Zuhilfenahme religiöser Begriffe erklärbar sein.

Zugleich erhalten die vom Verband angebotenen weltlichen Feiern einheitliche, zeitgemäße Bezeichnungen: Humanistische Namens- und Adoptionsfeiern, Humanistische JugendFEIER (statt „Jugendweihe“), Humanistische Trauung (seit 1997 auch für gleichgeschlechtliche Paare) und Humanistische Trauerfeier.

Nachdem die „Freien Humanisten“ 1991 die „Europäische Humanistische Föderation“ (EHF) mitbegründen, werden sie 1992 Mitglied der „Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU) und im Jahre 2000 Mitglied im Humanistischen Verband Deutschlands (HVD). Die konsequente Umbenennung zum Humanistischen Verband Niedersachsen erfolgt dann 2007.

Heute: Ausbau des „praktischen Humanismus“

Mit dem bewussten Eintritt in den bundesweit einheitlich auftretenden Humanistischen Verband Deutschlands geht auch eine strategische Entscheidung einher: man will nicht mehr nur Mitgliederverband und Interessenvertretung sein, sondern daneben auch die eigene, humanistische Weltanschauung verstärkt als positive Kraft und gelebte Praxis in die Gesellschaft einbringen.

Seit 2009 betreibt der Verband in Niedersachsen eigene Humanistische Kinderkrippen, beteiligt sich verstärkt an öffentlichen Diskursen, veranstaltet Humanistische Foren und baut sein Angebot an Beratungs- und Fortbildungsmöglichkeiten kontinuierlich aus.